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Hahnöfersand

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Hahnöfersand ist eine Insel in der Elbe (bei Jork) und eine hamburgische Jugendstrafanstalt und Justizvollzugsanstalt für Frauen.

Lage
Hahnöfersand ist eine von vielen Marschinseln in der Unterelbe (auf der niedersächsischen Seite) in unmittelbarer Nähe zum Alten Land und etwa gegenüber der Stadt Wedel. Der nächste Ort auf der Niedersächsischen Seite ist Jork (ca. 5 Kilometer). Die Insel hat eine Fläche von etwa 1,6 km²; sie ist 3,5 Kilometer lang und zirka 700 Meter breit.

Geschichte der Insel
Der Ursprung des Namens Hahnöfersand ist nicht genau zu rekonstruieren. Namen wie Hansodt-Sand, Hannoversand, Hanensand, Hanenhöygersand oder Hanöfersand tauchen in Bezug auf die Insel auf. Hansodt-Sand könnte ein Name von ehemaligen Besitzern sein. Eine sagenhafte Geschichte ist, dass bei einer Sturmflut nur noch die Kirchturmspitze aus den Fluten geschaut hätte, der einen Hahn als Spitze besaß und sich dadurch der Name „Hahnöfersand“ (Hahn über dem Sand) abgeleitet wurde.

Hahnöfersand war ursprünglich mit dem Festland (dem Alten Land) verbunden und entstand als Insel vermutlich während der Cäcilienflut im November 1412. Staatsrechtlich gehört Hahnöfersand weiterhin zu Niedersachsen. Es wurde aber 1902 durch den Hamburger Senat für die Stadt Hamburg von der preußischen Domänenverwaltung für 250.000 Reichsmark erworben. Anfangs diente die Insel eigentlich nur als Lagerstätte für den aus dem Hamburger Hafen gebaggerten Sand. Deshalb ist noch heute die Insel etwa acht Meter höher als das Niveau des Alten Landes. Es gab auch Überlegungen, einen Zeppelin- oder einen Artillerieplatz anzulegen.

Zuletzt war Hahnöfersand durch einen schmalen Nebenarm, die Borsteler Nebenelbe, vom Südufer der Elbe getrennt. Die Eindeichung der Elbe quer über Ein- und Ausgang dieses Wasserarms beendete in den 1970er Jahren die Existenz Hahnöversands als Insel.

Gefängnis
1911 wurde die Insel an die Hamburger Gefängnisverwaltung übergeben und 1913 die ersten Gefangenen nach Hahnöfersand gebracht. Sie lebten noch in unbefestigten Wohnstätten und hatten die Aufgabe, den Boden durch das Aufbringen von Schlick und Kleiboden nutzbar zu machen. Im März 1915 wurde diese Arbeit von 1200 russischen Kriegsgefangenen weitergeführt. Vermutlicher weise durch eine Epidemie starben in dieser Zeit 77 Gefangene.

Jugendstrafanstalt
Die Gründung der Jugendstrafanstalt erfolgte am 20. Juni 1920. Interessant dabei war, dass ein Gesetz, welches den gesonderten Jugendstrafvollzug regelte, erst drei Jahre später in Kraft trat. Der Mitgründer und Leiter der hamburgischen Strafanstalten Christian Koch (DDP) verfolgte mit der Gründung der Anstalt einen reformatorischen Ansatz. Die Jugendlichen sollten gefördert und erzogen und nicht nur weggesperrt und gedrillt werden. Die in diesem Rahmen von Curt Bondy und Walter Herrmann praktizierten reformpädagogischen Experimente gelten bis heute als "bahnbrechend".

Während der Nationalsozialistischen Zeit wurde der reformorientierte Ansatz wieder zurückgedrängt und stattdessen auf einen Strafvollzug mit militärischem Drill zurückgegriffen. Ab 1940 wurden die Gefangenen in andere hamburgische Anstalten verlegt und das Gelände für eine Flugabwehr-Einheit zum Schutze der Industrie auf Finkenwerder genutzt.

Gleich nach Ende des Krieges wurde die Insel wieder zu einem Gefängnis für Jugendliche und junge Erwachsene. Neu war der offene Vollzug, der auch Privilegien wie Besuche zu Festlichkeiten zuhause zuließ. Vor allem zur Landwirtschaft wurden die Insassen herangezogen, sie hatten aber auch die Möglichkeit der Ausbildung zum Tischler, Maurer und anderer handwerklicher Berufe.

1976 wurde Hahnöfersand im Rahmen von Flutschutzmaßnahmen eingedeicht und mit einem Damm und einer Straße wieder an das Festland angeschlossen. 1997 kam das Frauengefängnis hinzu. 2002 geriet das Gefängnis wegen eines „desolaten Zustands“ in die Schlagzeilen.

Künstliches Watt
Als Ausgleichsmaßnahme für die teilweise Zuschüttung des Mühlenberger Loches durch Airbus wurden die östliche und die westliche Spitze der Insel künstlich in Wattflächen umgewandelt. Diese werden von den Krickenten gut angenommen, nicht aber von den gefährdeten Löffelenten.

Sonstiges
Die Insel besitzt einen Friedhof, auf dem auch die verstorbenen Kriegsgefangenen des ersten Weltkrieges liegen. Zudem gibt es ein Museum, welches durch seine Lage innerhalb der Gefängnisanlage der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist.

Auf der Insel gefundene Knochen wurden als "Neandertaler von Hahnöfersand" durch Reiner Protsch auf ein Alter von 36.000 Jahren datiert. Als sich herausstellte, dass eine Vielzahl von Datierungen des von ihm seit 1973 geleiteten Datierungslabors völlig fehlerhaft waren, wurde eine unabhängige Neudatierung erforderlich. Überprüfungen in einem C-14-Labor in Oxford ergaben jedoch lediglich ein Alter von höchstens 7500 Jahren.

Siegfried Lenz hat für seinen Roman Deutschstunde die Insel als einen der Schauplätze der Rahmenhandlung gewählt. Der Roman gibt eine guten Eindruck vom Leben in der Strafvollzugsanstalt nach Ende des Krieges.

Die JVA ist auch kurz Schauplatz in Hark Bohms Film Nordsee ist Mordsee von 1976. Die beiden jugendlichen Protagonisten Uwe und Dschingis fliehen mit einem Segelboot von zu Hause und legen versehentlich auf der Insel an.